Bericht aus Chile – Neues von Betina und Christian
Hallo an alle, wir sind sehr froh darüber die Katastrophe ohne größere Schäden überlebt zu haben und endlich können wir euch schreiben, was los war.
Heute am 03.3.10 am Tag 5 ist es das erste Mal möglich selbst Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen und wir beantworteten Mails, gaben Bescheid, dass wir OK sind. Wenn nach diesem mail wieder für einige Zeit Pause sein sollte, kann es daran liegen , dass es kein Signal der Telekom gibt oder wir kein Benzin mehr haben um Zum Signal zu fahren –also keine Sorgen machen!
Als in der Nacht zum Sonntag nach halb 4 Uhr morgens die Erde bebte waren wir in unseren Betten im Mamut, das in Suhaila 150 m vom Strand entfernt stand. Ich schlief total fest und Betina weckte mich schreiend mit „Christian wach auf, wir haben ein starkes Erdbeben, wir müssen sofort wegfahren!“ In Panik stolperten wir aus dem stark schaukelnden Mamut fielen hin und ein paar Minuten später standen wir in barfuß und in Unterhosen zitternd oben an der Straße über 30 Höhenmeter höher als Suhaila und vor allem Tsunamisicher und alle blöd schauend da. Wir zogen uns etwas an, machten kurz Ordnung im Mamut und fuhren weiter hoch zu einem Nachbarn, wo sich Leute (auch feindlich gesinnte Nachbarn) trafen um miteinander zu reden .Was muss passieren , dass manche Menschen wieder miteinander reden? In großer Sorge sah ich in die Tiefe auf das hell vom Vollmond beschienene Meer wissend das wahrscheinlich die Welle kommen würde. Das genau war es, vor was wir Angst gehabt hatten.
Das Meer ging über 15 m zurück und ich konnte eine Welle von Norden sehen, zum Glück blieb die große Welle aus. Ich lief später runter und sah, dass alle Häuser unbeschadet standen und wir keine Wassereinbrüche hatten. Den Rest der Nacht bebte es ständig weiter und wir blieben oben. Ein solches Scheissgefühl!! Vom Chaos und der Zerstörung in der Nähe und im Land wussten wir jetzt noch nichts.
Am Tag 2 sahen wir uns in Suhaila um : Ein Chaos an zerbrochenen Tassen und heruntergefallenen Dingen und Dachziegeln verschobene Öfen, der Hang rutschte ab und hätte fast die Garage zu Einsturz gebracht. Die Grenze am Meer ist weggespült, das Wasser lief einige Meter hoch ins Grundstück. Doch sonst alles ok, vor allem wir selbst. Einige Blutergüsse und Schnittwunden sind Kleinigkeiten. Später fuhren wir nach Curanipe und können an den Erdrutschen und Felsen die herumliegen sehen das es ein großes Beben war. Dort können wir den Anblick nicht glauben: die Hauptbrücke ist weg und das Meer kam bis hier hoch! Autos liegen in und auf den Häusern, zerdrückte Fischerboote überall , ein übler Gestank, Müll, Erde und Tod überall. Dazu dieser gespenstische Nebel der alles noch geisterhafter macht. Ruinen und Trümmer wohin man sieht. Es hat leider doch einen Tsunami gegeben!
Aus dem schönen und friedlichen Urlaubsort ist in Minuten eine Hölle geworden. Häuser stehen auf der Straße, vom Meer hochgespült, Betonmasten sind geknickt, Leitplanken über die Straße gebogen….LKW und Busse liegen im Wasser..ein Horror. Wir sind an Szenen aus dem Film „ Children of men“ erinnert, die Traurigkeit , die schwere Stille, alles ist langsamer und so unwirklich. Wir hören von Plünderungen und kollektiver Psychose in den Städten….was ist denn los??? Wir schlafen nachts oben, da wir uns in Suhaila noch nicht sicher fühlen, kommt noch ein weiteres Beben?
Wir sprechen am Tag 3 mit Betroffenen, kennen die Leute alle persönlich. Manche haben alles verloren: Geschäft, Wohnung, Auto, Boot, etc. Und sie haben dazu Schulden! Am Strand laufen die Leute rum suchen in den Trümmern, da liegen Berge von Holz, Kühlschranke, Stühle…die Menschen holen sich was sie noch brauchen können. Unser Mitarbeiter und einige Nachbarn haben kein Haus mehr. Die Leute helfen sich mit Zelten. Wir selbst haben genug Nahrungsvorräte und bringen ihnen etwas zu essen. Zum Glück haben alle überlebt und niemand ist verletzt. Es regnet nicht und ist nachts nicht kalt. Wasser haben die meisten hier auf dem Land von Bächen. Das ist erst mal das wichtigste. Es gibt bisher noch keine Hilfe von außen! Es gibt keinen Strom , kein Benzin. Wie nervös viele werden –wie sehr wir doch vom Öl abhängig sind! Die Geschäfte sind zu.
Die Polizei sucht nach Vermissten in den Trümmern, die von den Leuten selbst noch nicht gefunden wurden. In den ersten Tagen muss man sich selbst zu helfen wissen. Wir bringen Ordnung ins eigene Chaos, haben Wasser und Nahrung. Mit dem Mamut können wir wegen Erdrutschen nicht aus der Gegend herausfahren, im Pickup ist nicht genug Benzin um nach Cauquenes zu kommen. Aber wozu? Am sichersten ist es hier.
Wir lassen unseren Gefrierschrank mit einer Improvisation über die Solaranlage laufen und werden so die gefrorenen Vorräte nicht verlieren.
Am Tag 4 beginnt die Armee aufzutauchen( jetzt erst!!!) um die Ordnung aufrechtzuerhalten, da Plünderungen begannen. Es sieht aus wie im Krieg. Selbst hier in Curanipe & Pelluhue gab es Leute , die kamen um Überfälle zu machen, z.B. Sprit aus Autowracks zu stehlen. Was wird nur aus den Menschen , wenn ein Chaos herrscht? Wie schnell taucht das Tier im Menschen überall auf! Wie können manche die Armut und Zerstörung ausnutzen , um sich zu bereichern?
Aus diesem Grunde sind wir auch meist in Suhaila, da es hier sicher ist und um da zu sein und aufzupassen. Wir haben keine Angst, aber ein unsicheres Gefühl ist es schon. Wir hören, dass es in Constituciión 100 km von hier eine 15m Welle gab die die halbe Stadt auflöste –wäre die hier angekommen, dann wäre Suhaila nicht mehr da.
Welches Glück wir hatten! Wenn jmd. helfen will, macht Vorschläge. Wir sehen gerade sehr dumm aus der Wäsche, weil wir wissen, dass unser Geschäft für die nächste Zeit am Boden ist und wir keine Ahnung haben ,wovon wir leben sollen. Wir wollen jedoch positiv und zuversichtlich sein. Wir sind froh wohlauf zu sein und eine solch große Schutzkraft für uns gehabt zu haben, für uns ist es ein Wunder.
Alles Liebe von Betina und Christian